Konstruktion: Komparativ_Präferenz:X_geht_über_Studieren

{
KE:Bevorzugte_HandlungLogieren
geht über studierenKE-lex:geht_über_Studieren
}
Von wegen elitär: In den Colleges von Oxford und Cambridge können während der Ferien Touristen wohnen.

88BE82...59D249
Z10/OKT.04061 Die Zeit (Online-Ausgabe), 28.10.2010; Logieren geht über studieren

Kurzname der Konstruktion:

Komparativ:X_geht_über_Studieren

Diese Konstruktion ist Teil der Konstruktionsfamilie Komparativ:S

Die Konstruktion wird in der Literatur bzw. in Grammatiken auch thematisiert unter:

Konstruktionstyp:

Syntaktische Konstruktion

Syntaktische Konstruktion: Phraseoschablonen/Phrasemkonstruktionen

Struktur/Form der Konstruktion:

V.Inf_geht_über_Studieren

Bei der Konstruktion (Kxn) Komparativ_Präferenz:X_geht_über_Studieren, die bedeutungsseitig zur Konstruktionsfamilie Komparativ:S gehört, handelt es sich um ein produktives, teilschematisches ‚Sprichwortmuster‘ (Steyer 2012; Steyer & Hein 2018) des Deutschen, das sich über serielle Modifikation aus dem lexikalisierten Sprichwort Probieren geht über Studieren ( zum SWB-Eintrag) herausgebildet hat und eine große Menge an okkasionellen, nicht-sprichwörtlichen Bildungen lizensiert.

Die satzwertige Kxn weist Verbzweitstellung auf und zeigt eine feste lineare Abfolge, in der das interne Kern-KE KE:Bevorzugte_HandlungBevorzugte_Handlung den lexikalisch festen Konstruktionselementen (KE-lex) geht_über_studierenKE-lex:geht_über_Studieren syntagmatisch vorangestellt ist. Aus semantischer Sicht kodiert die Kxn eine komparative Präferenzrelation, in der die im KE KE:Bevorzugte_HandlungBevorzugte_Handlung realisierte Tätigkeit gegenüber der lexikalisch fixierten Vergleichsfolie Studieren als überlegen oder vorrangig bewertet wird. Anders als skalierende Komparative etabliert die Kxn jedoch keine graduelle Abstufung, sondern eine hierarchisierende Vorrangrelation, die primär der positiven Evaluation der KE:Bevorzugte_Handlungbevorzugten Handlung dient. Von der lexikalisierten Sprichwortbasis übernimmt die Kxn damit die Grundstruktur einer emphatischen Präferenzaussage, löst sich jedoch von deren spezifischer epistemischer Bedeutung (Überlegenheit praktischen Ausprobierens gegenüber theoretischer Reflexion, vgl. Steyer & Hein 2010) und ermöglicht damit unterschiedlich gelagerte Präferenzbehauptungen, in denen verschiedenartige Handlungen oder Ereignisse als vorrangig profiliert werden können.

Weiterführende Informationen

1) Distributionsprofil: Verwendungshäufigkeit in Titelkontexten

Die Kxn erscheint – ähnlich wie andere Snowclones (vgl. Stutz in Vorb.) – überdurchschnittlich häufig in exponierten Textstellen wie Titeln und Überschriften, wo die intertextuelle Anspielung auf die bekannte Sprichwortbasis einen aufmerksamkeitssteigernden Effekt erzeugt.

Austausch-Log USA
{
KE:Bevorzugte_HandlungFrittieren
geht über StudierenKE-lex:geht_über_Studieren
}

C88B16...60F31A
SOL12/NOV.02880 Spiegel-Online, 28.11.2012; Frittieren geht über Studieren
{
KE:Bevorzugte_HandlungZitieren
geht über StudierenKE-lex:geht_über_Studieren
}
Nur jeder fünfte Physiker hat Artikel, die er anführt, auch wirklich gelesen

258F38...245723
U02/DEZ.01578 Süddeutsche Zeitung, 10.12.2002, S. V2/8; Zitieren geht über Studieren

2) Gebrauchsfunktionen

Pragmatisch realisiert die Kxn vorwiegend assertive, direktive oder expressive Illokutionen – von Kommentierungen deskriptiver Sachverhalte über Forderungen bis hin zur ironisch-kritischen Evaluation:

KE:Bevorzugte_HandlungFinanzieren
geht über StudierenKE-lex:geht_über_Studieren
Studentenwerks-Erhebung zeigt: 80 Prozent der Studierenden arbeitet nebenher, 70 Prozent, weil sie müssen

395499...1124F8
T02/JAN.05371 die tageszeitung, 31.01.2002, S. 21, Ressort: Hamburg Aktuell; Finanzieren geht über Studieren

Schmidt rief für 1998 zu einem Machtwechsel in Bonn und Bayern auf: "
{
KE:Bevorzugte_HandlungRegieren
geht über StudierenKE-lex:geht_über_Studieren
}
. " Sie griff vor allem Stoiber scharf an.

60E154...7E04AE
NUN97/APR.01579 Nürnberger Nachrichten, 21.04.1997, S. 1; Landesparteitag der Bayern-SPD - Ziel: Machtwechsel - Rekordergebnis für Renate Schmidt Scharfe Attacken gegen Stoiber
{
KE:Bevorzugte_HandlungSich profilieren
geht über studierenKE-lex:geht_über_Studieren
}
Wie sich Studium und Job ergänzen - oder behindern

4DF7D1...056941
NZZ05/NOV.00367 Neue Zürcher Zeitung, 02.11.2005, S. 105; Sich profilieren geht über studieren


Morphosyntaktische Komplexität & Kategorie

einfacher SatzV2
Schematizität Idiomatizität Beschränkungen
0.5 teilidiomatisch ja (formseitig + semantisch/pragmatisch)
Text-/Diskursposition

Überschrift/Titel

Illokutionspotenzial

Feststellung

Kommentierung

Forderung

Konstruktionselemente (KE) Kern Konstruktionselemente mit lexikalisch festen Instanzen (KE-lex)

geht_über_Studieren

Die Kxn weist mit der Wortfolge geht_über_studierenKE-lex:geht_über_Studieren drei kontinuierlich realisierte Konstruktionselemente auf, die lexikalisch spezifiziert sind (KE-lex). Mit ihnen wird – auf der Grundlage der idiomatischen Bedeutung von geht über im Sinne von 'ist überlegen' oder 'hat Vorrang vor' – ausgedrückt, dass die im KE KE:Bevorzugte_HandlungBevorzugte_Handlung realisierte Tätigkeit gegenüber Studieren als vorrangig bewertet wird. Studieren ist dabei semantisch nicht auf die wörtliche Lesart im Sinne institutioneller akademischer Tätigkeit festgelegt (vgl. Beispiel 1), sondern kann auch im übertragenen Sinne eine reflexiv-theoretische Vorgehensweise bezeichnen (vgl. Beispiel 2). In beiden Fällen dient Studieren als normativ positiv besetzter Referenzpunkt, gegenüber dem die KE:Bevorzugte_Handlungbevorzugte Handlung als noch vorteilhafter bzw. vorzugswürdiger profiliert wird.

{
KE:Bevorzugte_HandlungKassieren
geht über StudierenKE-lex:geht_über_Studieren
}
: Die rot-grüne Regierung in Nordrhein-Westfalen will von den Studenten künftig Gebühren verlangen. Knapp 20.000 Studenten demonstrierten am Samstag in Düsseldorf und wehrten sich gegen die "Abzocke".

B626CF...DA896F
SOL02/JUN.00697 Spiegel-Online, 10.06.2002; The University streiks back
{
KE:Bevorzugte_HandlungIsolieren
geht über StudierenKE-lex:geht_über_Studieren
}
: Mit Investitionen in die Energieeffizienz lässt sich der Wert eines Hauses steigern.

C7DD13...8F9025
E06/NOV.01065 Tages-Anzeiger, 08.11.2006, S. 4; Zug geht mit Energiepass voran

Evoziert die folgenden Frames:

Konstruktionselemente (KE) Kern Weitere Konstruktionselemente (KE)

Bevorzugte_Handlung

Mit dem internen Kern-KE KE:Bevorzugte_HandlungBevorzugte_Handlung wird eine Tätigkeit benannt, die im jeweiligen Gebrauchskontext gegenüber der lexikalisch fixierten Vergleichsfolie Studieren als vorrangig bewertet wird. Kategorial handelt es sich um nominalisierte Verben, wobei eine ausgeprägte morphophonologische Restriktion charakteristisch ist: So gehören die instantiierenden Einheiten nahezu ausnahmslos zu den mit dem französischen Lehnsuffix -ieren derivierten Verben (vgl. Munske 2009: 236), die einen Reim mit dem finalen KE-lex-Bestandteil Studieren bilden – eine Eigenschaft, die zugleich die phonetische Ähnlichkeit mit dem substituierten Lexem Probieren des lexikalisierten Ausgangssprichworts aufgreift (vgl. auch Stutz & Finkbeiner 2022: 293–294 zu vergleichbaren phonologisch motivierten Substitutionsmustern). Abweichende Bildungen ohne -ieren-Endung sind selten und im Korpus nur marginal belegt:

{
KE:Bevorzugte_HandlungSonne tanken
geht über StudierenKE-lex:geht_über_Studieren
}
: Ufermauer zwischen dem Groot Vleeshuis (links) und der Leie im historischen Zentrum Gents. Foto: Philippe Clément (Arterra, Getty)

4D407C...9F65B1
E16/SEP.01563 Tages-Anzeiger, 22.09.2016, S. 35; Paradies für Bildungsbürger und Fritten-Esser

Semantisch ist das KE weitgehend offen; die Füller sind nicht auf positiv konnotierte Tätigkeiten beschränkt (z.B. Zelebrieren, Integrieren, Motivieren), sondern umfassen auch triviale Alltagstätigkeiten (z.B. Rasieren, Frittieren, Dekorieren) oder dezidiert negativ konnotierte Handlungen (z.B. Intrigieren, Diffamieren, Boykottieren). Diese Bandbreite legt nahe, dass die evaluative Präferenz primär konstruktionsseitig erzeugt wird und nicht aus der lexikalischen Bedeutung des jeweiligen Füllers resultiert; insbesondere bei trivialen oder negativ konnotierten Tätigkeiten kann die Konstruktion eine ironische oder humorvolle Wirkung entfalten:

Rolf Donner präsentiert eine Bärtiges androhende Satire-Sendung zum Thema Damenbärte.
{
KE:Bevorzugte_HandlungRasieren
geht über StudierenKE-lex:geht_über_Studieren
}
.

8C62C8...A6C862
S95/NOV.00417 Der Spiegel, 20.11.1995, S. 304; Wie Pech und Schwefel
Wiederentdeckter Westernklassiker
{
KE:Bevorzugte_HandlungSkalpieren
geht über studierenKE-lex:geht_über_Studieren
}

896620...729B08
SOL13/MAI.01438 Spiegel-Online, 15.05.2013; Skalpieren geht über studieren

Evoziert die folgenden Frames:

Typische Realisierungen:

Verben mit dem Derivationssufix -ieren

Kern-KE-Sets
Bevorzugte_Handlung

Konstruktionselemente (KE) Nicht-Kern

Konstruktionselemente (KE) Korrelierende Elemente (KorE) exemplarisch

Munske, Horst Haider (2009): Was sind eigentlich ,hybride‘ Wortbildungen?, in: Müller, Peter O. (Hrsg.): Studien zur Fremdwortbildung, Hildesheim: Olms, 223–260.
Steyer, Kathrin (2012): Sprichwortstatus, Frequenz, Musterbildung. Parömiologische Fragen im Lichte korpusmethodischer Empirie, in: Steyer, Kathrin (Hrsg.): Sprichwörter multilingual. Theoretische, empirische und angewandte Aspekte der modernen Parömiologie, Tübingen: Narr, 287–314.
Steyer, Kathrin / Hein, Katrin (2010): Deutsche Sprichwortartikel, Datenbank des EU-Projekts SprichWort (www.sprichwort-plattform.org/sp/Sprichwort, Zugriff: 07.02.2024).
Steyer, Kathrin / Hein, Katrin (2018): Usuelle satzwertige Wortverbindungen und gebrauchsbasierte Muster, in: Engelberg, Stefan / Lobin, Henning / Steyer, Kathrin / Wolfer, Sascha (Hrsg.): Wortschätze. Dynamik, Muster, Komplexität, Berlin/Boston: De Gruyter, 107–129.
Stutz, Lena (in Vorb.): From titles to patterns and back again. A corpus-based analysis of the German snowclone [Der mit X tanzt] from a constructionist perspective, in: Mellado Blanco, Carmen / Ivorra Ordines, Pedro / Esteban-Fonollosa, Maricel (Hrsg.): Creativity in the Intersection of Phraseology and Construction Grammar, Amsterdam: Benjamins.
Stutz, Lena / Finkbeiner, Rita (2022): Veni, vidi, veggie: A contrastive corpus linguistic analysis of the phraseological construction Veni, vidi, X and its German equivalent X kam, sah und Y, in: Blanco, Carmen Mellado (Hrsg.): Productive Patterns in Phraseology and Construction Grammar, Berlin/Boston: De Gruyter, 287–314.