Konstruktion: Komparativ_Präferenz:X_geht_über_Studieren
Kurzname der Konstruktion:
Diese Konstruktion ist Teil der Konstruktionsfamilie Komparativ:S
Die Konstruktion wird in der Literatur bzw. in Grammatiken auch thematisiert unter:
Konstruktionstyp:
Syntaktische Konstruktion
Syntaktische Konstruktion: Phraseoschablonen/Phrasemkonstruktionen
Struktur/Form der Konstruktion:
V.Inf_geht_über_Studieren
Bei der Konstruktion (Kxn) Komparativ_Präferenz:X_geht_über_Studieren, die bedeutungsseitig zur Konstruktionsfamilie Komparativ:S gehört, handelt es sich um ein produktives, teilschematisches ‚Sprichwortmuster‘ (Steyer 2012; Steyer & Hein 2018) des Deutschen, das sich über serielle Modifikation aus dem lexikalisierten Sprichwort Probieren geht über Studieren ( zum SWB-Eintrag) herausgebildet hat und eine große Menge an okkasionellen, nicht-sprichwörtlichen Bildungen lizensiert.
Die satzwertige Kxn weist Verbzweitstellung auf und zeigt eine feste lineare Abfolge, in der das interne Kern-KE KE:Bevorzugte_HandlungBevorzugte_Handlung den lexikalisch festen Konstruktionselementen (KE-lex) geht_über_studierenKE-lex:geht_über_Studieren syntagmatisch vorangestellt ist. Aus semantischer Sicht kodiert die Kxn eine komparative Präferenzrelation, in der die im KE KE:Bevorzugte_HandlungBevorzugte_Handlung realisierte Tätigkeit gegenüber der lexikalisch fixierten Vergleichsfolie Studieren als überlegen oder vorrangig bewertet wird. Anders als skalierende Komparative etabliert die Kxn jedoch keine graduelle Abstufung, sondern eine hierarchisierende Vorrangrelation, die primär der positiven Evaluation der KE:Bevorzugte_Handlungbevorzugten Handlung dient. Von der lexikalisierten Sprichwortbasis übernimmt die Kxn damit die Grundstruktur einer emphatischen Präferenzaussage, löst sich jedoch von deren spezifischer epistemischer Bedeutung (Überlegenheit praktischen Ausprobierens gegenüber theoretischer Reflexion, vgl. Steyer & Hein 2010) und ermöglicht damit unterschiedlich gelagerte Präferenzbehauptungen, in denen verschiedenartige Handlungen oder Ereignisse als vorrangig profiliert werden können.
Weiterführende Informationen
1) Distributionsprofil: Verwendungshäufigkeit in Titelkontexten
Die Kxn erscheint – ähnlich wie andere Snowclones (vgl. Stutz in Vorb.) – überdurchschnittlich häufig in exponierten Textstellen wie Titeln und Überschriften, wo die intertextuelle Anspielung auf die bekannte Sprichwortbasis einen aufmerksamkeitssteigernden Effekt erzeugt.
2) Gebrauchsfunktionen
Pragmatisch realisiert die Kxn vorwiegend assertive, direktive oder expressive Illokutionen – von Kommentierungen deskriptiver Sachverhalte über Forderungen bis hin zur ironisch-kritischen Evaluation:
Morphosyntaktische Komplexität & Kategorie
| einfacher SatzV2 |
| Schematizität | Idiomatizität | Beschränkungen |
|---|---|---|
| 0.5 | teilidiomatisch | ja (formseitig + semantisch/pragmatisch) |
| Text-/Diskursposition | Überschrift/Titel |
| Illokutionspotenzial | Feststellung Kommentierung Forderung |
Konstruktionselemente (KE) Kern Konstruktionselemente mit lexikalisch festen Instanzen (KE-lex)
| geht_über_Studieren |
Die Kxn weist mit der Wortfolge geht_über_studierenKE-lex:geht_über_Studieren drei kontinuierlich realisierte Konstruktionselemente auf, die lexikalisch spezifiziert sind (KE-lex). Mit ihnen wird – auf der Grundlage der idiomatischen Bedeutung von geht über im Sinne von 'ist überlegen' oder 'hat Vorrang vor' – ausgedrückt, dass die im KE KE:Bevorzugte_HandlungBevorzugte_Handlung realisierte Tätigkeit gegenüber Studieren als vorrangig bewertet wird. Studieren ist dabei semantisch nicht auf die wörtliche Lesart im Sinne institutioneller akademischer Tätigkeit festgelegt (vgl. Beispiel 1), sondern kann auch im übertragenen Sinne eine reflexiv-theoretische Vorgehensweise bezeichnen (vgl. Beispiel 2). In beiden Fällen dient Studieren als normativ positiv besetzter Referenzpunkt, gegenüber dem die KE:Bevorzugte_Handlungbevorzugte Handlung als noch vorteilhafter bzw. vorzugswürdiger profiliert wird. { :
Die rot-grüne Regierung in Nordrhein-Westfalen will von den Studenten künftig Gebühren verlangen. Knapp 20.000 Studenten demonstrierten am Samstag in Düsseldorf und wehrten sich gegen die "Abzocke".
KE:Bevorzugte_HandlungKassieren geht über StudierenKE-lex:geht_über_Studieren { :
Mit Investitionen in die Energieeffizienz lässt sich der Wert eines Hauses steigern.
KE:Bevorzugte_HandlungIsolieren geht über StudierenKE-lex:geht_über_Studieren |
Konstruktionselemente (KE) Kern Weitere Konstruktionselemente (KE)
| Bevorzugte_Handlung | |
Mit dem internen Kern-KE KE:Bevorzugte_HandlungBevorzugte_Handlung wird eine Tätigkeit benannt, die im jeweiligen Gebrauchskontext gegenüber der lexikalisch fixierten Vergleichsfolie Studieren als vorrangig bewertet wird. Kategorial handelt es sich um nominalisierte Verben, wobei eine ausgeprägte morphophonologische Restriktion charakteristisch ist: So gehören die instantiierenden Einheiten nahezu ausnahmslos zu den mit dem französischen Lehnsuffix -ieren derivierten Verben (vgl. Munske 2009: 236), die einen Reim mit dem finalen KE-lex-Bestandteil Studieren bilden – eine Eigenschaft, die zugleich die phonetische Ähnlichkeit mit dem substituierten Lexem Probieren des lexikalisierten Ausgangssprichworts aufgreift (vgl. auch Stutz & Finkbeiner 2022: 293–294 zu vergleichbaren phonologisch motivierten Substitutionsmustern). Abweichende Bildungen ohne -ieren-Endung sind selten und im Korpus nur marginal belegt: { :
Ufermauer zwischen dem Groot Vleeshuis (links) und der Leie im historischen Zentrum Gents. Foto: Philippe Clément (Arterra, Getty)
KE:Bevorzugte_HandlungSonne tanken geht über StudierenKE-lex:geht_über_Studieren Semantisch ist das KE weitgehend offen; die Füller sind nicht auf positiv konnotierte Tätigkeiten beschränkt (z.B. Zelebrieren, Integrieren, Motivieren), sondern umfassen auch triviale Alltagstätigkeiten (z.B. Rasieren, Frittieren, Dekorieren) oder dezidiert negativ konnotierte Handlungen (z.B. Intrigieren, Diffamieren, Boykottieren). Diese Bandbreite legt nahe, dass die evaluative Präferenz primär konstruktionsseitig erzeugt wird und nicht aus der lexikalischen Bedeutung des jeweiligen Füllers resultiert; insbesondere bei trivialen oder negativ konnotierten Tätigkeiten kann die Konstruktion eine ironische oder humorvolle Wirkung entfalten: Rolf Donner präsentiert eine Bärtiges androhende Satire-Sendung zum Thema Damenbärte.
{ .
KE:Bevorzugte_HandlungRasieren geht über StudierenKE-lex:geht_über_Studieren
Wiederentdeckter Westernklassiker {
KE:Bevorzugte_HandlungSkalpieren geht über studierenKE-lex:geht_über_Studieren Evoziert die folgenden Frames: Typische Realisierungen: Verben mit dem Derivationssufix -ieren | |
| Kern-KE-Sets | |
|---|---|
Bevorzugte_Handlung | |
Konstruktionselemente (KE) Nicht-Kern
Konstruktionselemente (KE) Korrelierende Elemente (KorE) exemplarisch